Montag, 8. Oktober 2018

Heart of Miyagi

Links ist der Supermarkt von Ikinomaki zu
sehen und das UFO rechts ist das
Mangamuseum der Stadt.
Bevor ich von Kyoto erzähle, mal wieder ein normaler Eintrag :-D. In den letzten Wochen habe ich die neuen Austauschstudenten getroffen und ein wenig herumgeführt. Es sind wieder viele Deutsche dabei, ich bin aber jetzt der einzige Naturwissenschaftler der Bande. Der Rest sind Informatiker oder Ingenieure, mich wundert es echt, warum so wenige Physiker, Chemiker und Biologen das Programm in Anspruch nehmen.

Es war echt ein interessantes Gefühl jetzt derjenige zu sein, der vom Leben hier ein wenig Bescheid weiß ;-). Die allermeisten leben jedoch leider in Aobayama (obwohl viele das Wohnheim recht weit unten auf der Präferenzliste hatten), weswegen ich nicht weiß, wie viel wir miteinander zu tun haben werden.

Die Figur eines alten Science-Fiction-Mangas,
die in dem Museum steht. In dem Gang sind
eine ganze Menge von denen.
Mein Stundenplan hat sich geändert, ich habe jetzt keine Physikvorlesungen, sondern den Japanischsprachkurs mit Kanjilernen. Folge davon ist, dass ich nicht den Journal Club besuchen kann, meinem Professor macht das aber nichts aus. Die erste Stunde hatte ich auch schon, die Lehrerin ist deutlich netter und motivierter als die letztes Semester. Das Tempo ist aber schon ordentlich, eine Lektion des Buches pro 3 Stunden, die zweimal pro Woche stattfinden. Die Kanjikurse sind dazu noch seperat.

An meiner Forschungsarbeit gibt es bisher keine großen Änderungen, jenachdem wie schnell Ergebnisse zustande kommen, erweitern wir die Probe noch auf andere Moleküle.

In dem Mangamuseum gab es auch eine
Sonderausstellung zu Charakteren aus dem
Magazin, in dem "Hello Kitty" veröffentlich wird.
Dieses Wochenende fand dann noch eine besondere Veranstaltung statt: "Heart of Miyagi". Das ist ein Austausch mit den ländlicheren Gegenden der Region von Samstag auf Sonntag mit Übernachtung bei einer örtlichen Familie. Dazu hatte ich vor ein paar Monaten von der Universität einen Flyer zugesandt bekommen, die Bestätigung kam nach meiner Rückkehr aus Kyoto :-D. In der E-Mail standen auch für mich schwer zu erfüllende Angaben: für die Teezeremonie sind weiße Socken nötig und Jeans unerwünscht. Da ich nur dunkle Socken besitze und meine Hosen, die ich aus Deutschland mitbrachte, alle Jeans sind, musste ich zumindest vorher noch die Socken einkaufen. Die Jeans wurden mir auf Nachfrage gnädigerweise erlaubt :-P.
In dem Museum kann man auch nachvollziehen,
wie Animateure arbeiten, indem man
Charaktervorlagen nachzeichnet.

Treffpunkt war in der Innenstadt von Sendai, die Busfahrt nach Ishinomaki, so heißt die Stadt, dauert so anderthalb Stunden. Wir waren ungefähr 13 Personen, es war auch eine japanische Familie mit dabei. Die meisten waren aber Studenten der Universität.

Das erste Ziel war das Wiederaufbaubüro der Stadt, sie wurde nämlich 2011 schwer vom Tsunami beschädigt. Die gesamte Küstenlinie wurde überschwemmt, teilweise stand das Wasser 15m hoch, sodass einige Gebäude auch einfach mitgerissen wurden. In dem Büro hat uns ein Brite mit deutschen Wurzeln, der seit 25 Jahren in Ishinomaki lebt, erklärt, welche Stadtteile wie stark beschädigt wurden und wie der Wiederaufbau vorangeht.

Das Teehaus, in dem am zweiten Tag die
Zeremonie stattfand.
Danach gingen wir in das Mangamuseum der Stadt, welches sich auf die Anfänge des Mediums in den 60ern und 70ern spezialisiert. Eine ganze Halle ist auch "Kamen Rider", einer TV-Serie im Stile der Power-Ranger, gewidmet, die inzwischen in der 30. Iteration oder so ausgestrahlt wird. Im obersten Stockwerk wird auch erklärt, wie Animationen funktionieren und man kann sich dort mal daran probieren und eine Szene nachzeichnen.

In dem Museum trafen wir auch unsere Gastfamilien, in meinem Fall eine hochschwangere Japanerin mit vietnamesischem Ehemann. Wir sind nach der Begrüßung zu ihrem Zuhause gefahren, wo ich ihre Eltern kennenlernte und wir gemeinsam mit ein paar Freunden der Familie zu Abend aßen.

In dem Garten um das Teehaus werden auch
ein paar Koikarpfen gehalten.
Da nur, die Japanerin, die mich abgeholt hatte, Englisch spricht, durfte ich so mal meine Japanischkenntnisse auf die Probe stellen. Hat erstaunlich gut funktioniert, nur den Vater habe ich kaum verstanden. Aber auch mit ihm habe ich letztendlich eine Unterhaltung über das japanische Stromnetz zustande bekommen. Die achtjährige Tochter der Familienfreunde hat an dem Abend mit großer Strenge dem vietnamesischen Ehemann Kanji beigebracht :-D.

Zu Essen gab es sehr viel verschiedenes, von Fisch bis zu Nudelsuppe alles nacheinander. Es hat sehr gut geschmeckt und am Morgen hatte ich dann auch mein erstes japanische Frühstück: Würstchen mit Spiegelei und Reis.

Ein anderer Winkel des Teehauses, aus dem
man mehr des Gartens sieht.
Übernachtet habe ich im alten Zimmer der schwangeren Tochter, das noch vollständig mit Postern einer japanischen Boygroup zugekleistert war ;-). Deren Haus ist ziemlich weit auf dem Land, umgeben von Bergen, Reisfeldern und nicht viel mehr.

Am nächsten Tag haben wir dann ein Fest der örtlichen Kampfkunstgruppen besucht, das reichte von Judo über Kendo und Karate bishin zum Niganata, einem japanischen Speer. Meistens wurde die "Kata", eine kunstvolle Darstellung der Techniken vorgeführt, bei den Speeren war es aber ein wenig anders. Diese wurden von einer komplett weiblichen Gruppe vorgestellt, die zu dem "Radetzky-Marsch" von Strauss mit den Naginata posiert haben und "marschiert" sind. Bei mir hat das Ganze eher "dunklere" Assoziationen geweckt... Ansonsten war die Veranstaltung aber sehr interessant und beeindruckend.

Endlich habe ich mal bei Bingo was
gewonnen :-D!
Danach haben wir in einem japanischen Restaurant zu Mittag gegessen, eine Fisch-Pilz-Reis-Schüssel mit überbackenem Hamburgersteak. Letztere haben an vielen Stellen schon Einzug in die japanische Küche gefunden, aber das war das erste Mal, dass ich sie hier probiert habe. War ziemlich lecker, insbesondere die Pilz-Misosuppe war sehr gut.

Zu Ende ging es zum Teehaus für die Zeremonie, bei der ich mehr oder weniger das "Versuchskaninchen" war. Denn die Betreiberinnen haben erstmal geschaut, was ich mit dem präsentierten Tee mache, bevor sie den anderen erklärten, wie man ihn richtig trinkt. Das Ganze ist ziemlich kompliziert, bis zur Rotationsweite der Teetasse in der Hand ist alles genau geregelt. Der Tee war gut und der Einblick in dieses Stück Kultur faszinierend.

Anschließend lud mich die Veranstalterin des Austauschs aus irgendeinem Grund noch zu einem Chopinkonzert in Sendai ein, das ich am Mittwoch besuchen werde. Wieso sie gerade mich (und nur mich) angesprochen hat, kann ich mir nicht erklären. Danach war es schon Zeit für den Abschied, aber wir versuchen im Kontakt zu bleiben.

Zurück in Sendai ging es direkt weiter zur Willkommensparty vom Wohnheim, bei deren Bingo ich den ersten Preis gewonnen habe! Ich habe auch viele neue Leute kennengelernt und es scheint wieder Hoffnung für die Pen&Paper-Gruppe zu geben ;-). Heute ist Feiertag in Japan, am Donnerstag geht es mit dem Sprachkurs an der Uni wieder weiter.

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